Reifen-Checkliste während der Ernte: Was kontrolliert und angepasst werden sollte

Dritter Tag der Getreideernte. Der Mähdrescher ist seit fünf Uhr morgens im Einsatz. Um zwei Uhr nachmittags befindet sich der Überladewagen bereits auf seiner vierten Straßenfahrt – voll beladen, vielleicht sogar etwas überladen. Der Traktorfahrer hat den Reifendruck seit Ende Juni nicht mehr überprüft. Die Reifen sehen gut aus. Die Ernte läuft.
Einige Stunden später fällt ein Reifen in einer Kurve auf einem Wirtschaftsweg aus. Die Maschine steht eineinhalb Tage still, während nach einem Ersatzreifen gesucht wird. Die Felder warten. Die Ernte wartet.
Es ist das vorhersehbare Ergebnis eines vorhersehbaren Fehlers: Reifen werden wie ein System behandelt, das einmal eingestellt und anschließend vergessen werden kann – ausgerechnet in der Jahreszeit, in der sie unter Lasten und Bedingungen, die sich stündlich ändern, am härtesten arbeiten.
Warum die laufende Ernte ein Stresstest für Reifen ist
Während der Erntezeit treffen drei Belastungsfaktoren gleichzeitig auf den Reifen: hohe Achslasten, wiederholte Wechsel zwischen Straße und Feld sowie kaum Zeit für Wartungsarbeiten. Ein Traktor, der morgens auf dem Betriebshof noch einwandfrei erscheint, kann bereits am Nachmittag mit einem zu hohen oder zu niedrigen Reifendruck unterwegs sein – insbesondere, wenn er bereits Getreide transportiert, einen Anhänger gezogen oder Straßenstrecken zwischen verschiedenen Feldern zurückgelegt hat.
Europäische Landwirtschaftsbetriebe kennen diese Realität nur zu gut. Weizen, Gerste, Mais, Futterpflanzen, Kartoffeln und Zuckerrüben erzeugen jeweils unterschiedliche Lastprofile. Viele Arbeitseinsätze erfordern mehrmals täglich den Wechsel zwischen Feld und Straße. In Nordamerika sind die Entfernungen größer, doch das Prinzip bleibt dasselbe: Die Maschinen sind ständig in Bewegung und die Reifen müssen jede Veränderung aufnehmen. In Brasilien und anderen Regionen mit intensivem Pflanzenbau verringern hohe Lasten und wechselnde Bodenfeuchtigkeit den Fehlerspielraum zusätzlich.
Die Mitas Reifen-Checkliste für die laufende Ernte
Führen Sie diese Reifenkontrolle während der Ernte täglich durch – oder immer dann, wenn sich die Last oder die Feldbedingungen wesentlich ändern. Kontrollieren Sie die Reifen grundsätzlich im kalten Zustand: vor der ersten Fahrt des Tages oder nach einer Standzeit von mindestens drei Stunden.
1. Den Reifendruck auf die höchste Tageslast abstimmen
Ermitteln Sie die maximal zu erwartende Last auf jeder Achse und entnehmen Sie der entsprechenden Last-Luftdruck-Tabelle den Mindestdruck, der erforderlich ist, um diese Last bei der üblichen Feldgeschwindigkeit von 6 bis 10 km/h sicher zu tragen. Legen Sie für Straßentransporte einen separaten Reifendruck fest. Die Abweichung von den Zielwerten sollte höchstens 0,2 bar betragen. Verwenden Sie ein kalibriertes Zeigermanometer. Eine Sichtprüfung oder die Kontrolle mit einem Reifenprüfhammer ist nicht genau genug. Ein Reifen kann einen um 0,5 bar zu niedrigen Luftdruck aufweisen und von außen dennoch völlig normal aussehen.
2. Den Reifendruck beim Wechsel vom Feld auf die Straße anpassen
Ohne eine zentrale Reifendruckregelanlage (CTIS) muss die Druckanpassung zu einem festen Bestandteil des Arbeitsablaufs werden: Kontrollieren und korrigieren Sie den Reifendruck vor dem Verlassen des Feldes und überprüfen Sie ihn erneut, bevor Sie wieder auf das Feld fahren. Die VF-Technologie (Very High Flexion) verringert den Unterschied zwischen den Anforderungen im Feld und auf der Straße, beseitigt ihn jedoch nicht vollständig. Der Reifendruck muss weiterhin an Last, Geschwindigkeit und Herstellervorgaben angepasst werden.
3. Den gesamten Umfang der Seitenwand kontrollieren
Erntestoppeln und Pflanzenreste wirken abrasiv. Untersuchen Sie den unteren Bereich der Seitenwand auf Schnitte, Abschürfungen oder eingedrungene Fremdkörper. Eine vorsichtige Kontrolle mit der Hand darf nur durchgeführt werden, wenn die Maschine sicher abgestellt ist. Das Eindringen von Stoppeln verursacht selten sofort sichtbare Schäden. Stattdessen kann es die Reifenstruktur allmählich schwächen. Die Folgen zeigen sich häufig erst später – unter hoher Last oder während des Transports.
4. Das Verschleißbild des Profils richtig deuten
Ungleichmäßiger Verschleiß über die Breite der Lauffläche liefert wichtige Hinweise. Starker Verschleiß an den Schulterstollen bei gleichzeitig relativ wenig abgenutzten Mittelstollen deutet auf dauerhaft zu hohen Reifendruck oder übermäßige Straßenfahrten bei hoher Geschwindigkeit hin. Starker Verschleiß in der Mitte bei intakten Schultern weist hingegen auf einen zu niedrigen Reifendruck oder länger andauernde Arbeiten mit hoher Zugkraft hin. Beide Verschleißbilder verkürzen die Lebensdauer und signalisieren ein Problem beim Reifendruckmanagement, das noch während der Saison behoben werden sollte. Weitere Informationen finden Sie hier in unserem Artikel über den Verschleiß von Landwirtschaftsreifen.
5. Felgen und Ventilschäfte kontrollieren
Während der Ernte fahren Traktoren und Anhänger häufiger als zu jeder anderen Jahreszeit über verdichtete Fahrspuren, Straßenränder und unebene Hofflächen. Kontrollieren Sie die Felgenhörner auf Verformungen oder Risse. Stellen Sie sicher, dass die Ventilschäfte gerade sitzen und nicht geknickt sind. Ein geknicktes Ventil verliert langsam Luft und ist häufig die Ursache für einen unerklärlichen Druckabfall zwischen Morgen und Nachmittag. Fehlende Ventilkappen sollten sofort ersetzt werden. Bereits Schmutz im Ventilschaft kann zu einem schleichenden Luftverlust führen.
6. Tragfähigkeitskennzahlen mit den tatsächlichen Achslasten abgleichen
Verwenden Sie im Vergleich zur vergangenen Saison einen anderen Überladewagen, Anhänger oder eine andere Gerätekombination? Vergewissern Sie sich, dass der Lastindex der Reifen auf jeder Achse der tatsächlichen maximalen Achslast entspricht. In Europa unterliegen landwirtschaftliche Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen nationalen Vorschriften zu den zulässigen Achslasten, die je nach Land unterschiedlich sind. Der Einsatz eines Reifens über seinem zulässigen Lastindex stellt sowohl ein Sicherheitsrisiko als auch einen möglichen Verstoß gegen geltende Vorschriften dar.
7. Den Reifen vor der abschließenden Druckanpassung abkühlen lassen
Warten Sie nach einer Straßenfahrt mindestens 30 Minuten, bevor Sie den Reifendruck anpassen. Nach einer zehn Kilometer langen Fahrt mit 35 km/h kann der gemessene Druck um 0,3 bis 0,5 bar über dem Ausgangswert des kalten Reifens liegen. Wird der Druck bei noch warmem Reifen auf den Zielwert abgesenkt, ist er nach dem Abkühlen zu niedrig. Deshalb gilt: im kalten Zustand prüfen und im kalten Zustand einstellen.
Mitas für anspruchsvolle Erntebedingungen
Die Landwirtschaftsreifen von Mitas wurden für genau diesen gemischten Einsatz entwickelt, bei dem Feldarbeit und Straßentransporte am selben Arbeitstag miteinander vereinbart werden müssen. Die richtige Wahl für die Ernte ist ein Reifen, der die Achslast sicher trägt und zugleich den Boden bei intensivem Befahren schützt – sowohl am Traktor als auch am Mähdrescher. Ihr Mitas Händler berät Sie gerne bei der Auswahl der optimalen Lösung für Ihre Maschine und Ihre Einsatzbedingungen.
Damit die Ernte in Bewegung bleibt
Während der Ernte zählt jede Minute. Diese sieben Kontrollen nehmen nur wenig Zeit in Anspruch. Werden sie jedoch ausgelassen, können die Folgen genau im ungünstigsten Moment auftreten. Passen Sie den Reifendruck an die Last an, achten Sie auf die Signale des Reifens und nehmen Sie bei jeder Veränderung der Arbeitsbedingungen eine neue Einstellung vor. So bleiben die Maschinen einsatzbereit und die Ernte läuft weiter.
